aktualisiert: 11.12.2013

Nachteilsausgleich für Schülerinnen und Schüler mit Beeinträchtigungen

Ulrich Dettling

Nachteilsausgleich
Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen darf beim schulischen Lernen, bei Prüfungen und bei Leistungsermittlungen (Klassenarbeiten, Tests, Lernzielkontrollen) aufgrund ihrer Behinderung oder Beeinträchtigung kein Nachteil entstehen. Jedoch dürfen die fachlichen Anforderungen mit Ausnahme des Lesens, Schreibens und Rechnens (s. u.) nicht geringer bemessen werden.
Dieser Anspruch leitet sich aus Artikel 3 Abs. 3 Satz 2 des Grundgesetzes und aus § 48 des Schwerbehindertengesetzes ab. Er erfordert die besondere Fürsorge der Schule im täglichen Schulleben in und außerhalb von Unterricht.
Die Gewährung eines Nachteilsausgleichs ist in allen Schulformen möglich. Sie erfolgt auf Hinweis/Vorschlag der Erziehungsberechtigten, der Lehrkräfte oder der betreuenden Lehrkraft des Mobilen Dienstes. Der Nachteilsausgleich wird durch Beschluss der Klassenkonferenz gewährt.
Im Aufsatz von Nina von Zimmermann und Dr. Peter Wachtel (SVBl 11/2013) werden die pädagogischen Aspekte zur Gewährung eines Nachteilsausgleichs in niedersächsischen Schulen (Anspruch, Notwendigkeit und Möglichkeiten für die pädagogische Praxis) umfassend und aktuell erläutert.
Der Aufsatz von Dr. Ulrike Behrens und Dr. Peter Wachtel (SVBL 05/2008) beschreibt die Varianten des Nachteilsausgleich speziell bezogen auf die Gruppe der Schülerinnen und Schülern mit Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen.

SVBL 11/2013: Nachteilsausgleich aus pädagogischer Perspektive
Nina von Zimmermann und Dr. Peter Wachtel


SVBL 05/2008: Nachteilsausgleich in der Schule
Der individuellen Problematik angemessen Rechnung tragen, ohne die fachlichen Anforderungen geringer zu bemessen
Dr. Ulrike Behrens und Dr. Peter Wachtel

In den nachfolgenden Ausführungen finden Sie die rechtlichen Grundlagen für die Gewährung des Nachteilsausgleichs.
‚,Sonderpädagogische Förderung’ - RdErl. d. MK vom 01.02.2005 (SVBl. S. 49/135)


I.17 Nachteilsausgleich
Für Schülerinnen und Schüler mit erheblichen Beeinträchtigungen in der Sprache, in der Motorik, in der Sinneswahrnehmung und mit umfänglichen physisch-psychischen und sozialen Belastungen können die äußeren Bedingungen für mündliche, schriftliche oder praktische Leistungsfeststellungen verändert werden.
Veränderungen können in qualitativer und quantitativer Form vorgenommen werden, insbesondere durch
- zusätzliche Bearbeitungszeit und zusätzliche Pausen,
- Verwendung spezieller Arbeitsmittel oder technischer Hilfsmittel,
- personelle Unterstützung,
- alternative Präsentation von Aufgaben und Ergebnissen,
- alternative Leistungsnachweise, zum Beispiel mündlicher statt schriftlicher Leistungsnachweis,
- unterrichtsorganisatorische Veränderungen,
- individuelle Leistungsfeststellung in Einzelsituationen.

Schriftliche Arbeiten in den allgemein bildenden Schulen’ - RdErl. d. MK vom 16.12.2004 (SVBl. S. 75)
5. Für Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen sollen die äußeren Bedingungen
(z. B. Dauer, Pausen, zusätzliche Hilfsmittel) bei der Anfertigung bewerteter schriftlicher Arbeiten nach Möglichkeit so gestaltet werden, dass Nachteile aufgrund der Behinderung ausgeglichen werden.

,Erlass zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen’ – RdErl. d. MK v. 4.10.2005 (SVBl. S. 560)


4. Leistungsfeststellung und Bewertung
4.1 Grundsätze
Auch Schülerinnen und Schüler mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen unterliegen in der Regel den für alle Schülerinnen und Schüler geltenden Maßstäben der Leistungsbewertung. In besonders begründeten Ausnahmefällen können Festlegungen zum Abweichen von diesen allgemeinen Grundsätzen getroffen werden. Für den Bereich der Rechenschwäche ist dies nur in der Grundschule und im Primarbereich der Förderschule zulässig.
Ein Abweichen von den Maßstäben der Leistungsbewertung kann von den Fachlehrkräften für Deutsch oder Mathematik, ggf. auch für die Fremdsprachen, auf der Basis der Ergebnisse geeigneter Verfahren beantragt werden. Die Entscheidung darüber trifft die Klassenkonferenz im Rahmen der Erörterung der individuellen Lernentwicklung; die Entscheidung wird regelmäßig überprüft.
Abweichungen von den allgemeinen Grundsätzen der Leistungsbewertung können insbesondere sein
- stärkere Gewichtung mündlicher Leistungen, insbesondere in den Fremdsprachen,
- zeitweiliger Verzicht während der Förderphase auf eine Bewertung der Lese- und Rechtschreibleistung,
- zeitweiliger Verzicht auf die Bewertung von Klassenarbeiten während der Förderphase im Bereich Mathematik.
Vorrangig vor dem Abweichen von den allgemeinen Grundsätzen der Leistungsfeststellung und Bewertung sind auf Beschluss der Klassenkonferenz Hilfen im Sinne eines Nachteilsausgleichs … vorzusehen, die auf den Stand der Lernentwicklung des Schülers oder der Schülerin abzustimmen sind. Als Hilfen im Sinne des Nachteilsausgleichs gelten insbesondere
- Ausweitung der Arbeitszeit, z.B. bei zu zensierenden schriftlichen Lernkontrollen;
- didaktische und technische Hilfsmittel (z.B. Zehnermaterial),
- Entwickeln einer dem individuellen Lernstand angepassten Aufgabenstellung,
- Einordnen der schriftlichen und mündlichen Leistung unter dem Aspekt des erreichten Lernstands mit pädagogischer Würdigung.
Bei anhaltenden Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben ist von der Klassenkonferenz über den Einsatz elektronischer Medien zu entscheiden.
Bei schriftlichen Arbeiten oder Übungen in den übrigen Lernbereichen und Fächern kann auf Beschluss der Klassenkonferenz basierend auf der Prozessbeobachtung der individuellen Lernentwicklung vorgesehen werden, zeitlich befristet die Rechtschreibleistungen einer Schülerin oder eines Schülers mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben in die Beurteilung der Fächer nicht einzubeziehen. Alle Abweichungen von den üblichen Bewertungsregelungen müssen in der Dokumentation der individuellen Lernentwicklung der Schülerin oder des Schülers ausgewiesen sein.

4.2 Zeugnisse
Die Abweichungen von den allgemeinen Grundsätzen der Leistungsfeststellung und
-bewertung sind in den Zeugnissen zu vermerken, nicht jedoch in Abgangs- und Abschlusszeugnissen; bei diesen gelten die allgemeinen Grundsätze der Leistungsbewertung.

Beispiel Nachteilsausgleich in den Förderschwerpunkten Hören, Sehen sowie Körperliche und Motorische Entwicklung. (Pkt. 1.7.2.2)
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