Bericht aus Apulien, 2. Teil

Als Austauschlehrer in Acquaviva 

1. Tag; Mittwoch, 12. November 2003

Nachdem wir mit dem Schulbus zum Flughafen gefahren waren und ich die letzten Fotos der Abreisenden machte, setzte mich der Busfahrer am Piazza John Kennedy ab. Nun war ich  allein zurück geblieben, ging den vertrauten Weg zur Schule. Vor dem Eingang klappte eine Autotür: Der Schulleiter Mario Forenza stieg aus, sah mich mit meiner Kamera, lachte: „Buon giorno, Hasso!“ Er bot mir eine Zigarette an, wir unterhielten uns mit Hilfe des Hexagot-Übersetzungscomputers. Mario Forenza gab einen italienischen Begriff ein, drückte auf die „Deutsch“-Taste, gab mir den Rechner, ich las, gab deutsche Begriffe ein und ließ sie ins Italienische übersetzen. So konnten wir uns über Gott und die Welt unterhalten - Segen der Technik. Schmunzelnd kamen andere Kollegen vorbei. Später erzählte mir Mariano Iacovazzi, mein Kontaktlehrer und Freund, der so hervorragend Deutsch kann, dass ich den Spitznamen „Beethoven auf dem Taschenrechner“ bekommen hatte, da die Finger dort, wo mein Englisch nicht reichte, bei den Gesprächen über die Tastatur flogen.

Von Mariano Iacovazzi hatte ich den Stundenplan bekommen. Die meiste Zeit durfte ich ja mit ihm in den Unterricht gehen. 

 LUN MAR MER GIO VEN SAB
08.15-09.10   3A   4A
09.10-10.05  3A 4A 2C  2C
10.05-10.55   R   1C
11.05-11.55  2C 1C 3A 4A 2F
11.55-12.50  2F 2F 1C Dp 
12.50-13.45  1C  2F 2C 

Doch bevor ich mit ihm in den Unterricht ging, traf ich noch die Ökonomielehrerin, Frau Mirkov. Sie erzählte mir von ihrer Klassenfahrt nach Rotterdam. Zeigte Interesse an den Power-Point-Präsentationen über die Meyer-Werft und Weener-Plastik, die ich erstellt und auf einer CD mitgebracht hatte. In der 3. Stunde traf ich Mariano Iacovazzi, wir besprachen im Lehrerzimmer die weitere Planung. Gespannt bin ich schon, wie das so laufen wird als Lehrer aus Deutschland in den Deutschklassen von Mariano Iacovazzi. Zuerst ging es in die 2F (entspricht unserer 10. Klasse). Überrascht waren die Schüler, als ich einen Zettel hervor zog und meine Vorstellung auf italienisch machte. Allerdings sagte mir Mariano Iacovazzi hinterher, dass meine Computerübersetzung zwar am Anfang sehr gut zu verstehen sei, der Schluss allerdings ein ziemliches Kauderwelsch darstellte. Ich setzte mich nach diesem ersten Kontakt als Assistenzlehrer in die Klasse und lauschte dem Unterricht von Mariano Iacovazzi. Ich hatte darum gebeten, in der ersten Stunde nur zu hospitieren, um mich später besser einfügen zu können.

Nach dem Unterricht erhielt ich im Computerraum den Zugang zu einem Rechner, lud Volkslieder für eine spätere Stunde aus dem Internet und schrieb den Anfang des ersten Berichts aus Acquaviva. Ich hatte ja überall viel mitgeschrieben und verschriftlichte diese Notizen teilweise in einem Cafe in der Stadt und den Rest im Empfangsraum des Hotels. Immer einen Cappuccino auf dem Tisch. 
Abends verfolgte ich erschreckt im italienischen Fernsehen, dass es im Irak ein Selbstmordattentat auf das Hauptquartier des italienischen Truppenkontingents in Nasirija im Südirak gegeben hat.

2. Tag; Donnerstag, 13. November 2003

Nach dem Frühstück im Hotel wanderte ich zur Schule, machte einige Fotos vom Straßenbild, von Geschäften. 

Für mich begann der Unterricht in der 2C. Nachdem mich Mariano Iacovazzi vorgestellt hatte, erzählte ich erst einmal etwas von unserer Hauptschule in Weener. Anschließend trugen die Schüler sehr gut die Texte von einer Fahrradtour mit Zelten an der Ems entlang nach Haren vor, die ich einige Wochen vorher nach Italien per E-Mail geschickt hatte. Über die Erzählung der Probleme der Meyer-Werft und des Schiffbaus in Italien diskutierten wir über den weltweiten Konkurrenzkampf der Unternehmen. Plötzlich wurden Probleme der Globalisierung erörtert. Abschließend schrieben die Schüler mit, als Mariano mit mir ein improvisiertes fiktives Telefongespräch über eine Einladung zu einem Fest führte. 
Die Unterrichtsmethode in Marianos Deutschunterricht ist sehr redundant. Er weckt das Schülerinteresse immer wieder, indem er auf Schülerfragen eingeht. Die Unterrichtsweise ist stark kommunikativ, es ist eine erzählende landes- und sprachkundliche Unterrichtsweise.

In der Freistunde schrieb ich per E-Mail meinem Klassensprecher Uwe Frikke einen Brief. Gab der Klasse in Deutschland als Hausaufgabe ein Tagebuch auf über die Tage in der Schule.

Anschließend ging Mariano Iacovazzi mit mir 11.05 Uhr in die 3A. Mit Tafelbildern über unsere Landschaft stellte ich unsere Region vor, erläuterte wieder unser Schulsystem. Mariano Iacovazzi hatte hier ebenfalls die Klassenfahrtstexte lesen lassen. Wir sprachen über die Klassenfahrt und die Regenhäufigkeit in unserer Region, die den Spaß einer Fahrt nicht unbedingt schmälern müsse. Die Schüler versuchten anhand der Schülertexte Charakteristiken der Berichterstatter zu entwickeln. Ich war erstaunt, wie viel sie aus einigen Zeilen  herauszulesen vermochten. 

Um 11.55 Uhr gingen wir in die Klasse 1C. Dies ist eine Klasse mit Deutsch-Anfangsunterricht. Nach meiner Vorstellung kamen wieder etliche Fragen, in Erinnerung an ein Gespräch in der Projektgruppe beobachtete ich in dieser Stunde besonders, wie sehr man sich bei dem Versuch, sich verständlich zu machen, die Gestik und Mimik mit einsetzt. Die Schüler schrieben viel mit, auch die Unterrichtsinhalte von Mariano Iacovazzi wurde im Heft oft erstaunlich leserlich (im Verhältnis zu unseren Schülern) festgehalten.

Um 12.50 Uhr kam brachte mich Mariano Iacovazzi in die 2F. Nach meiner Vorstellung spielten Mariano Iacovazzi und ich einen Dialog der Klasse vor. Sie verschriftlichten ihn und wir mussten eine Fülle von Fragen beantworten, die sich aus dem Dialog ergeben hatten.

Nach der Mittagspause trafen wir uns um 16.30 Uhr zu einer Lehrerkonferenz in der Schule, die zum Thema die Finanzierung von Schulprojekten mit Hilfe der Europäischen Union hatte.
Dafür kooperierte die Schule mit der Berufsschule, um zum Beispiel ein Sprachlabor, ein Musiklabor, ein transportables Labor mit 12 Notebooks, den Ausbau eines Fußball- und Basketballplatzes oder den Umbau des Auditoriums finanzieren zu können. Eine emotional geführte Diskussion wurde darüber geführt, welcher Teil der Maßnahmen gestrichen werden muss, da nicht alles bewilligt würde. Ein praktisches Labor wurde gestrichen. Nach der Zustimmung waren aber die Wogen noch lange nicht geglättet. Auch in der Rauchergruppe vor dem Tagungsraum wurde noch heftig diskutiert.

Abends machte ich eine Wanderung durch das beleuchtete Acquaviva. Über die Via Arturo Toscanini und die Via Santa Lucia kam ich zur Via Caduti di Tutte Le Guerre und zur Estramurale Giuseppe Di Vagno zum Piazza Vittorio Emanuele. Hier trafen sich die Erwachsenen (hauptsächlich Männer), flanierten unter den Bäumen, sprachen miteinander, 
grüßten, drehten ihre immer wieder kehrenden Runden. Ausdruck der Gesprächskultur, denn es ist dort noch normal, sich draußen gemeinsam aufzuhalten, nicht vor dem Fernseher zu Haus zu hocken. Ich machte einige Aufnahmen und traf wieder Angelo, der seinen Hund spazieren führte. Wir sprachen miteinander, er vergewisserte sich, dass es mir gut gehe und verabschiedete sich freundlich. In einer kleinen Pizzeria bestellte ich „Frutti die Mare“, trank dazu ein Glas Rotwein, vervollständigte meine Notizen. Dazu war ich in die Via Roma gegangen. Dort treffen sich die Jugendlichen, wohl abgetrennt vom Treffpunkt der „Alten“.

3. Tag; Freitag, 14. 11. 2003

Um 9.10 Uhr ging ich mit Juliana Mirkov in die 4A. Thema war die Logistik des Seetransports in ihrer Ökonomiestunde. Anhand der Klassenfahrt nach Rotterdam brachte sie viele Informationen mit Tafelbildern über diese Wirtschaftsregion. Unterrichtssprache war Englisch. 

In einer Pause unterhielten wir uns über die multikulturelle Gesellschaft in Jugoslawien, sie entstammte dieser Region, deren Bewohner früher doch friedlich miteinander umgingen und die dann in Bürgerkriegen aufeinander losgegangen waren. 

11.05 Uhr kam dann Mariano Iacovazzi in die Klasse, durch einen Schülerstreik war die Klasse leider nicht vollzählig. Grund des Streiks und einer großen Demonstration in der Provinzhauptstadt waren die drohenden Sparmaßnahmen und die Forderung nach besseren Bedingungen im Bildungsbereich. Ich hatte Teebonbons aus Ostfriesland mitgebracht und wir mussten erst einmal organisieren, dass die nicht Anwesenden auch in den `Genuss´ des Tee mit Kluntje und Sahne kommen konnten. Das war dann auch das erste Thema dieser Stunde: Mit Tafelbild, Leitbegriffen und viel Gestik und Mimik versuchte ich deutlich zu machen, was das Besondere an der ostfriesischen Teekultur ist. Anschließend wurde ein Gespräch über die E-Mail-Kontakte geführt, die es zwischen meiner Informatik-AG an der Hauptschule Weener und dieser Klasse gibt.

In der Freistunde konnte ich mit dem Administrator die Homepagefrage, die Möglichkeit der Verlinkung auf der Schulhomepage zum Thema „Comenius“ und die T-Online-Blockade klären. 

Die deutschen Zahlen waren das Thema der nächsten Stunde um 12.50 in der 2C. Mit Schnellsprechwettbewerben wurden die Zahlen rückwärts und vorwärts gesprochen. Unvorbereitet traf mich die Bitte, doch die ersten zehn italienischen Zahlen aufzusagen. Zu meiner Erleichterung bekam ich sie alle zusammen. In dieser Stunde hatten Mariano Iacovazzi und ich wieder ein fiktives deutsches Gespräch vorgeführt, das die Schüler mitschrieben und Fragen dazu stellten. Das Unterrichtsklima ist locker, die Schüler haben eine relativ hohe Leistungsbereitschaft, allerdings muss der Lehrer, muss die Lehrerin wie bei uns auch manchmal einen schärferen Tonfall anschlagen, um die Schüler wieder zur gesammelten Mitarbeit zu bekommen.
Nachmittags setzte ich mich am Piazza Vittorio Emanuele in ein Cafe, trank diverse Milchcafés und Capuccionos, beobachtete die Leute und schrieb den letzten Teil meines Projektberichts. Der Cafébesitzer fragte mich, was ich denn da seitenlang schriebe, erkundigte sich nach meinem Herkunftsland und machte die Musik im Lokal leiser. Als andere Gäste erstaunt schauten, verwies er gestenreich auf meinen Platz, an dem ich doch so viel zu schreiben hätte.

Abends trafen wir uns um 21.45 Uhr am Piazza Kennedy, um nach Cassano zu fahren. Dort standen wir auf einem Plateau vor dem Kloster S. Maria degli Angeli, konnten mit einem weiten Blick bis zum nächtlich beleuchteten Bari schauen. Anschließend gingen wir Essen. Dabei waren  Caterina Piconio, Mariano Iacovazzi, Daniela Cardinale, Marcello Valeriano und meine Wenigkeit. Viel wurde über die vergangenen Treffen bei den Projekttagen gesprochen, wie viel Spaß wir miteinander gehabt hatten. 

4. Tag; Samstag, 15. 11. 2003 

Beim Gang zur Schule wurde ich von zwei Kollegen aufgelesen, die mich mit dem Auto zur Schule brachten. Dadurch konnte ich sehr früh Fotos der Schüler vor Unterrichtsbeginn machen, wie sie aus den Bussen stiegen, in Gruppen zur Schule gingen. Unterricht hatte ich mit Mariano Iacovazzi in der 

4A   8.15 –   9.10 Uhr
2C   9.10 – 10.05 Uhr
1C 10.05 – 10.55 Uhr
2F 11.05 – 11.55 Uhr

Vor dem Unterricht hatte ich ein Gespräch mit dem Schüler Antonello über den Schülerstreik vom Vortag. In Gioia demonstrierten Tausende von Schülern dagegen, dass die Privatschulen mehr und die staatlichen Schulen weniger Geld bekommen sollten.

In der 4A wurde die Deklination des Adjektivs behandelt. Anschließend sprachen wir wieder über die E-Mails aus Weener. Jeder Schüler bekam die Aufgabe, über zwei Texte aus Weener zu schreiben. Annalisa stellte den Text von Hanna Susanna vor. „Sie ist ein sympathischer Mensch, weil sie aufgeschlossen ist. Sie ist groß. Sie ist eine aktive Schülerin!“ Adriana stellte Johanna anhand ihres Textes vor: „ Sie ist ein in sich gekehrtes Mädchen. Sie mag die Märkte in ihrem Dorf.“ Anschließend diskutierten wir Vereinbarungen über die Themen, über die wir mit den nächsten Briefen schreiben wollen. Vorschlag ist, über die eigene Lebensumgebung zu schreiben. Auch sollten Eindrücke über den Besuch der Schüler aus Weener in Acquaviva geschrieben werden.
Weil das Heimweh zeitweise ein Problem der Besucher war, wurde das Thema „Heimweh“ angesprochen. Die Probleme des Heimwehs wurden an den Schicksalen von Tucholsky und Stefan Zweig während der Nazizeit verdeutlicht.

In der 2C wurden der Kalender und das Datum im Deutschen thematisiert. Angela fragte, warum bei der Wendung die Formulierung im Akkusativ „Wir haben heute den 15. November“ verwandt wird. Hinterfragt wurde auch, warum wir Deutsche „zweitausend und
drei“ und nicht „zwanzighundert und drei“ sagen. Besprochen wurde auch ein Vergleich der deutschen und italienischen Ferientermine. Wobei über die Ferienstaus („Ingorgo“) auch gleich die Wendung „von-bis“ geklärt wurde. („da Hamburg fino München“). Natürlich musste zum Schluss auch noch ein Klassenfoto gemacht werden.

In der 1C (26 Schüler) war das Thema, auf Deutsch sich und die Familie vorzustellen. Ein Schüler stellte sich jeweils vor, ein anderer wiederholte die Informationen. Einige Zeit kostete in der Stunde der Hausaufgabenvergleich. 

In der 2F wurde die Hausaufgabe, den Dialog der Lehrer aufzuschreiben, verglichen. Hausaufgabe war es, einen Dialog „zwischen Herrn Iacovazzi und Herrn Rosenthal“ aufzuschreiben. Wir kamen dann auf das Thema des Parteiensystems in Italien und Deutschland, die politische Vergangenheit wurde thematisiert: Schicksale von Menschen in der Nazizeit. Ich sagte, dass mich der Film „Das Leben ist schön“ sehr berührt habe.
Die Verästelungen des Aufbaus demokratischer Parteien brachten uns auf Begriffe wie Stamm, Wurzeln, Äste, Zweige, Blätter. Während Mariano Iacovazzi dazu etwas sagte, zeichnete ich ein passendes Tafelbild an die Wandtafel, notierte die entsprechenden Begriffe. Dabei hatte ich keine besondere Baumsorte im Kopf, doch plötzlich rief es von hinten: „Er hat einen Olivenbaum gezeichnet!“ Schließlich wachsen Oliven ja in der Gegend auch in unzähligen Farmen, ist die Gegend um Acquaviva berühmt für ihr Olivenöl. Die Zeichnung mit den Begriffen wurde ebenfalls in die Hefte übertragen.

Anschließend besprachen Mariano Iacovazzi und ich ausführlich das Drehbuch, das ich in der nächsten Woche für meinen Film von der Schule benötigte.

Abends war ich bei Mariano Iacovazzi in Bitritto zum Essen mit seiner Familie eingeladen. Es wurde ein sehr schöner, gemütlicher Abend. Luciana Iacovazzi hatte ein tolles Essen bereitet, die Kinder Marcello und Fabrizio waren ziemlich aufgeregt und lauschten erstaunt den fremden Klängen, wenn Mariano und ich uns deutsch unterhielten. Die Wohnung ist sehr schön, auffällig sind die beiden Balkone, nach Süden und Norden gelegen, so dass man je nach Sonnenstand einen schattigen Platz hat. Bitritto hat eine sehr schöne Altstadt mit einem runden Grundriss, deren Mauer teilweise in Wohnungen umgewandelt wurde. Bitetto war lange Zeit Bischofssitz. 

Für den nächsten Tag hatte sich der Schulleiter Mario Forenza mit mir verabredet, um mir Bari und seinen Heimatort zu zeigen.

Im Hotel angekommen hörte ich im Radio mit Schrecken von den schlimmen Attentaten in Istanbul. Quer durch die Sender zappte ich von RAI bis zu CNN, um Genaueres zu erfahren.

5. Tag, Sonntag, 16. 11. 2003 

Bauten als Zeugen der Geschichte blicken auf uns herab.
Um 11 Uhr holte mich Mario Forenza ab, um mit mir nach Bari zu fahren. Über die Autobahn fuhren wir am Stadion San Nicola des Architekten Renzo Piano vorbei, der auch das Pariser Centre National d'Art et de Culture Georges Pompidou und die Berliner Arkaden am Potsdamer Platz entworfen hat. Bari hat 331 600 Einwohner und ist die  Hauptstadt Apuliens. 
Die Hafenstadt am Adriatischen Meer hat eine Universität, Erdölraffinerien, Schwerindustrie und Werften. Bari war 840-871 in der Hand der Sarazenen, seit 1071 normannisch, wurde von Friedrich II. zum wichtigen Hafen ausgebaut, kam 1558 zum Königreich Neapel. In der Basilika San Nicola befindet sich der silberne Schrein einer Reliquie des Heiligen Nikolaus.
Durch die Altstadt kamen wir zum Castello Normanno-Svevo, das ursprünglich 1131 von Roger, dem Normannen erbaut, zwischen 1233 und 1240 von Friedrich II. renoviert und im 15. Jahrhundert von Isabella von Aragonien reaktiviert wurde. Der imposante Bau erfüllte eine Doppelrolle als Festung und als Königspalast. Der Innenhof wurde 1524 von der Tochter Isabellas Bona Sforza, die Gattin von Sigismund aus Polen  im Renaissance-Stil neu gestaltet. Aus ihrer italienischen Heimat brachte Bona Sforza nach Polen nicht allein italienische Mode und Speisen mit an den Krakauer Hof, sondern auch zahlreiche Künstler. Diese hinterließen viele Bildhauerarbeiten und baukünstlerische Glanzleistungen, so etwa die Sigismundkapelle auf dem Wawel. Hier ist eine historische Brücke zwischen Apulien und Polen. Eine weitere Brücke finden wir in den Berichten von Ubbo Emmius, der in seiner „Friesischen Geschichte“ von ostfriesischen Kreuzfahrern berichtet, die mit Schiffen von Emden aus nach Apulien fuhren, um sich 1128 an dem Kreuzzug Friedrich II. zu beteiligen. 

Nach der Besichtigung des Schlosses fuhren wir durch Industriegebiete Baris nach Modugno, dem Heimatort Mario Forenzas. Nach einem Essen in der Wohnung der Familie Forenza mit seiner Frau, den Söhnen und seiner Mutter führte Mario Forenza mich durch die Altstadt von Modugno, nachdem wir den Wochenmarkt besichtigt hatten. Wir trafen Michele Ventrella, den Vorsitzenden des Archäologischen Vereins (Archeoclub Modugno). Zuerst zeigte Herr Ventrella uns die Ausgrabungsarbeiten der historische Kirche „La chiesa di Maria SS. Assunta“, die auch ein kleines Kloster beherbergte. Sie verfiel im 16. Jahrhundert, stand am Kreuzweg zweier wichtiger Straßen der Römerzeit. Die Mönche unterhielten dort ein Hospital für Pilger, Kreuzfahrer und Kranke. Ein Seitentrakt wurde bis 1950 bewohnt und als landwirtschaftliches Gebäude betrieben. Im Erdgeschoss war ein Stall für zwei Kühe und Heu, im 1. Stock lebten 10 Personen auf 16 m2. Die Lebensbedingungen erinnerten mich an das Hinderksche Landarbeiterhaus, das von Stapelmoorerheide ins Museumsdorf Cloppenburg versetzt wurde. 

Anschließend besichtigten wir die Kirche „Chiesa Matrice“, die im 11. Jahrhundert im Stil der Romanik erbaut wurde. Beeindruckend war die Deckenmalerei und das Mariengemäldes des Venezianers Bartolomeo Vivarini (1472). Er war einer der ersten Maler, die die 3. Dimension in die Malerei eingeführt hatten. 

Abschließend führte uns Michelle Ventrella zum antiken Schloss von Balsignano (Complesso Monumentale de Balsignano). Dies ist ein Gebäudekomplex, an dessen Seite die „Chiesa di San Felice“, einer Kirche aus dem 11. Jahrhundert in byzantinischer Bauweise und romanischer Konstruktion. Es war die Kirche eines Benediktanerordens. 

Zum Kaffee fuhren wir noch einmal in die Wohnung Mario Forenzas, die freundliche Aufnahme wird bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. 

6. Tag; 17. November 2003 

Um 9.30 Uhr setzte ich mich auf die Bank am Piazza John Kennedy. Es ist ein dreieckiger Platz, der von Straßen umgeben mit 14 Bänken zum Verweilen einlädt. Ein Café, ein Papierwarenladen, ein Früchteladen, ein mit grüner Gaze verkleidetes Wohnhaus und andere Geschäfte umgeben ihn. Unter den Bäumen sitzen oft wartende Rentner und Jugendliche, eine Wasserpumpe oft genutzt steht an einem Schenkel des Dreiecks. Müllcontainer grenzen daran. Für uns wichtig war der Briefkasten, der der am Nahesten zum Hotel gelegene war. Daneben steht eine Uhr, die an irgend einem Tag um 9.45 Uhr stehen geblieben war. Ständig umfließt den Platz der Verkehr. Straßenbaulärm und Hupen der Verkehrsteilnehmer beständig warnenden Pkws geben die Kulisse. Ein Straßenkehrer mit grüner Uniform und orangenem Fahrrad fegt die Gosse. Überhaupt, die Stadt wird sehr sauber gehalten.

Mit Mariano Iacovazzi und Marcello Valeriano fuhren wir mit dem Auto von Marcello über Cassano Richtung Altamura. Im “Foresta di Mercadante”, einem Staatswald stiegen wir aus, lösten die Räder vom Wagen. Marcello hatte alle notwendigen Werkzeuge und Ersatzteile dabei, um die Fahrräder warten zu können. Der Wald mit einer Fläche von 830 Hektar liegt 
7 Kilometer von Cassano Murge entfernt und wurde 1833 geschaffen, um der Erosion bei Regenfällen entgegen zu wirken. Bevor der Wald angelegt war, hatte es viele schlimme Erdrutsche und Überflutungen bis Bari gegeben. Wir stiegen auf die Räder und fuhren erst durch den Wald und anschließend durch das karstige Hügelland. Dabei wurde schnell deutlich, dass ich zwar in Ostfriesland endlos mit dem Rad mich bewegen kann, aber einer Querfeldeinfahrt mit dem Mountain Bike die Hügel hinauf über Steine und Kies nicht so sehr gewachsen bin. Darum schoben wir einen Teil der Strecke, da wir auf der Anhöhe den Blick über die Landschaft genießen wollten. Nach einer schönen Fahrt, viel gemeinsamem Spaß kehrten wir nach dem Besuch einer touristisch genutzten Farm wieder zurück.
Nachmittags hatte mir Marcello Valeriano versprochen, mir beim Versenden der Gedenktafeln des Bürgermeisters bei der Post zu helfen. Vor der Post saß ich vorzeitig auf der Bank und beobachtete das Leben und Treiben auf dem Piazza Di Vagno:

Wie der Piazza John Kennedy ist seine Form dreieckig, an einer Seite liegt das braune Postgebäude. Auch hier ist der kleine Park voller Bäume, Bänke laden zum Sitzen ein. Abendstimmung. An der Front ist die blaue Leuchtschrift „Poste e telecomunicazioni“ zu sehen, ein gelbes Hinweisschild, von der Form unserer Haltestellenzeichen informiert weiter mit dem Markennamen „Poste italiane PT“. In der Post sehe ich lange Schlangen vor den Schaltern. Der Eingang ist hier, wie an vielen anderen Stellen behindertengerecht. An seiner Seite wartet eine Mutter mit vier Kindern am Fahrradständer. Sie klettern über den Ständer, sind trotz der nach meinem Gefühl sehr milden Temperatur warm gekleidet. Ein rothaariges Mädchen von ca. 8 Jahren fühlt sich beim Spiel von den anderen ausgegrenzt, quengelt, geht hinter die Gruppe, gibt der Mutter einen sehr schmerzhaften Schlag in den Rücken. Die erschrickt, dreht sich um, gibt dem Kind eine Ohrfeige. Das Mädchen weint, entfernt sich einige Schritte – die Mutter holt es zu sich, nimmt es auf den Arm. Es wird getröstet, liebkost, geküsst. Die vier Kinder klettern wieder gemeinsam auf dem Fahrradständer herum. Vor der Post steht eine Gruppe mit fünf Erwachsenen. Sie unterhalten sich gut 30 Minuten. Jeder spricht mit jedem. Das Kreischen einer Flex klingt herüber. Ein rosafarbenes Haus wird renoviert. Ich sehe auf den Parkplatz. Er ist verhältnismäßig groß. Auf ihm stehen Autos der Marken Audi, Fiat, Smart, VW, Lancia. Eine Seite des Platzes ist von einem klassizistischen Gebäude eingenommen. Eine Grundschule beherbergt der Bau (Scuola elementare). An der anderen Seite befindet sich eine Mittelschule (Scuola Media). In Italien bleiben die Schüler bis Klasse 8 zusammen. Auch Behinderte sind im Regelfall in der allgemeinen Schule. Vor der Grundschule hängen die italienische und die europäische Fahne über dem Eingang. Die unteren Fenster des Gebäudes sind vergittert. Marcello kommt pünktlich, um mir bei dem Paket zu helfen.

Zuerst geht er mit mir in die Post. In einem separaten Raum kommen wir sehr schnell an die Reihe. Das Gewicht wird festgestellt, der günstigste Preis ausgehandelt. Dann gehen wir zu einem Papierwarenladen, um Paketpapier zu kaufen. Da nach Meinung des Verkäufers die Tafeln zu wenig geschützt sind, gehen wir erst noch einmal in ein Spielwarengeschäft. Dort wird sehr aufwändig nach einem Karton gefahndet, der passend für die beiden Tafeln ist. Ich war wieder einmal überwältigt von der Hilfsbereitschaft und Gesprächsbereitschaft, die ich überall erfuhr. Dann ging es wieder zurück in den Papierwarenladen. Mit viel Zeitbedarf wurden die Tafeln verpackt. Die ganze Aktion hatte jetzt schon zwei Stunden gedauert. Der Preis für die Verpackung: 1 €. Dann ging es wieder zur Post, die hatte offensichtlich länger offen gehalten, denn die eigentliche Öffnungszeit war verstrichen. Das Paket wurde postalisch fertig gestellt, der Preis für 10 Kilo: 39 €. Vielen Dank noch einmal, Marcello!

Abends ging es zur Familie von Maria Arenare zu einem gemütlichen Essen nach Cassano. Dabei waren Frau und Herr Arenare, Mariano Iacovazzi, Daniela Cardinale und  Caterina Piconio. Es gab wieder ein vielgängiges Menue, viele Gespräche auch über das Berufsschulwesen in Italien im Vergleich zum deutschen mit Herrn Arenare, der Berufsschullehrer ist. 

7. Tag; Dienstag, 18. November 2003

Heute und morgen werde ich einen Film über den Unterricht in der ITC “COLAMONICO” 
drehen. Die Inhalte richten sich nach dem vorher besprochenen Drehbuch:

Übersicht über den Videofilm:

01. Schule  (Außenansicht) 
02. Volleyball (Sport) 
03. Kollegen vor der Konferenz 
04. Dienstbesprechung 
05. kurze Impressionen aus Acquaviva 
06. Ökonomieunterricht 4A 
07. Erläuterung der Teebräuche auf deutsch 
08. Französisch 4B 
09. Geschichte 2G 
10. Ökonomie 1B 
11. Informatik Excel 2A 
12. Chemie 2C 
13. Italienisch 2D 
14. HTML-PHP-Programmierung 5A 
15. Zivilrecht 3A 
16. Mathematik 4C 
17. Klassenfahrtstexte der 8c (Weener) in der 3A 
18. E-Mails der 10a (Weener) in der 4A 
19. plattdeutscher Text (Toeverland von Jan Cornelius und Klaus Hagemann) in der 
      4A (das ist das Lied, das ich dir noch als MP3-Datei schicken möchte)
20.Fahrt nach Locorotondo

Ziel des Films ist es, im Rahmen der Möglichkeiten (wegen einer zentralen Veranstaltung waren nicht alle Lehrer und Klassen da), einen möglichst vielfältigen Eindruck von der Arbeit in den einzelnen Fächern zu geben. Jede Sequenz ist zwischen 1-3 Minuten lang. Die Gesamtdauer des Films beträgt ca. 30 Minuten. Auffällig war, dass in allen Klassen problemlos gefilmt werden konnte. Ich hatte mein Vorhaben bei der Dienstversammlung am 13. November angekündigt und fand in allen Klassen freundliche Gesichter, die ganz ungekünstelt wie Profis sich filmen ließen. 

Von 12.50 Uhr bis 18.15 Uhr tippte ich den ersten Fahrtenbericht. Es hat so lange gedauert, da ich mit der mir doch fremden Tastatur ohne die vertrauten Umlaute erheblich mehr Zeit brauchte. Abends ging ich wieder in die Stadt, traf Schüler, ging in eine kleine Pizzeria und hörte dann in meinem Hotelzimmer mit meinem Kurzwellenempfänger einige deutschsprachige Sendungen. 
 
 

8. Tag; Mittwoch, 19. November 2003

Um 8.15 Uhr beginnt der Deutschunterricht mit Mariano in der 3A. Nach Rückfragen wegen der zurückgegebenen Klassenarbeit wurde weiter an den Texten von meinen Schülern über die Klassenfahrt nach Haren gesprochen. Wir unterhalten uns über die doch sehr unterschiedlichen Essgewohnheiten. Die Essenszeiten sind zwar ähnlich, doch in Deutschland gibt es in der Regel einen Gang, in Apulien vier bis fünf Gänge. Bei den Textbesprechungen fällt die hohe Redundanz, die ja sehr sinnvoll ist beim Fremdsprachenunterricht, auf. Vito sagt über den Text von Andreas Kok, Fahren in der Kolonne: Ein schöner Text. Es wird sehr schön deutlich, wie man sich beim Radfahren in der Gruppe fühlt. Es ist eine sehr positive Beschreibung, wie man den Fahrtwind im Gesicht fühlt, wie er sich Felder und Flüsse anschaut, wie er die Begleitung durch Klassenkameraden empfindet und eben nicht allein ist.“ Die Schüler sprechen auch über die Hilfsbereitschaft, wenn jemand Pech hat: Die Hilfe der anderen, wenn einer einen Platten hat.

Um 9.10 Uhr gehen wir in die Klasse 4A. Dafür hatte Mariano Iacovazzi einen CD-Player organisiert, ich hatte die hochdeutsche Übersetzung des plattdeutschen Textes angefertigt und die CD „Töverland“ von Jan Cornelius mitgebracht. Ziel war es, einerseits das Lebensgefühl des Lebens an Ems und Küste zu vermitteln, andererseits auch einen Eindruck zu verschaffen, dass das Rheiderländer Platt eine eigene Sprache ist, die ähnlich wie die Regionalsprachen in Süditalien zum Italienischen sehr unterschiedlich zum Hochdeutschen ist. Der Text wird besprochen, Fragen und Begriffe werden geklärt, das Lied gespielt. Als es verklungen ist, bekommen Jan Cornelius und Klaus Hagemann mit ihrem Lied zweitausend Kilometer von Jemgum entfernt Beifall der Klasse. Es ist angekommen, dieses Lied in der doppelt fremden Sprache. Das Ziel, die Landschaft über Musik und Text verstehen zu können, ist erreicht. Anschließend besprechen wir die weiteren Themen für die Informatikkontakte mit der 10A in Weener:
- Wie ich lebe
- Jugendtreffs
- Frieden 
- Terrorismus
Auch diese Deutschstunde war wieder sehr vielschichtig und effizient.

In der Springstunde besprechen Mariano Iacovazzi und ich die Veröffentlichung der html-Seiten seiner Schüler über die Projekttage, soll eine Fotoausstellung vorbereitet werden.

Um 11.05 Uhr konnte ich die Klasse 1C bei einer Klassenarbeit beobachten. Themen:
a) Stelle einen Onkel und seine Familie auf deutsch vor
b) Lies zwei Briefe
c) Beantworte die Fragen zu den Briefen
d) Schreibe die verlangten Zahlen auf deutsch

Abschließend sagt Mariano Iacovazzi, dass wir am Donnerstag gemeinsam ein deutsches Lied singen würden, von mir dirigiert. Große Freude bei den Schülern, die dies offensichtlich als willkommene Abwechselung verstehen.

In der letzten Stunde dieses Tages vergleichen wir in der 2F die verschiedenen Tagesabläufe von italienischen und deutschen Jugendlichen. Dazu muss ich viele Fragen beantworten. Mit einem Tafelbild, das in die Hefte übernommen wird, schließt die Stunde.

Nach dem Unterricht steigen wir in den Wagen von Mariano Iacovazzi. und fahren zuerst nach Fasano, seinen Geburtsort. Fasano liegt in der Nähe des Adriatischen Meeres und am Fuß des Murge-Bergrückens. Dadurch ist es ein sehr beliebter Ferienort geworden, da auch im heißesten Sommer in den Häusern am Hang die Hitze leichter ertragen werden kann.

Am Abhang über Fasano hat die Familie Iacovazzi sich ein Ferienhaus gekauft, das in Trulli-Bauweise erstellt wurde. In dem Trullo nahmen wir die ortstypische Speise ein: zwei Sorten Mozzarella, Parmaschinken, Brötchen, Weißwein und Wasser. Anschließend genossen wir die Abendstimmung vor dem Haus. In dem Haus erstellte ich für die Schule eine Fotocollage über unsere Arbeit in Acquaviva. Dann ging es nach Locorotondo mit seiner weißen Innenstadt, Auffällig ist der kreisrunde Grundriss auf einem Hügel über 400 m über dem Meeresspiegel und konzentrisch und strahlenförmig angelegten Gassen um den Mittelpunkt der Kathedrale.
Danach fuhren wir nach Martina Franca, deren Innenstadt als Gesamtensemble barocker Kunst berühmt ist. Zurück ging es dann bei Dunkelheit über die Küstenautobahn, wir streiften Monopoli-Polignano, Mola di Bari und Bari, bis wir in Bitetto ankamen. Den Abend verbrachten wir gemeinsam mit der Familie Mariano Iacovazzis, Spiele, Gespräche, Abendbrot vertrieben uns die Zeit. 

9. Tag; 20. November 2003

Der letzte Tag vor der Abreise begann um 9.10 Uhr mit der Hausaufgabenkontrolle über den telefonischen Dialog. Mariano Iacovazzi ärgerte sich sehr über nicht gemachte Hausaufgaben.
Die Dialoge werden noch einmal anhand der Schülertexte durchgegangen. Schwierigkeiten mit dem Deutschen gibt es auch, da das „H“ so schwer auszusprechen ist. Anschließend ging es um einen Dialog am Bahnhof, der kurz unterbrochen wurde, da  der Sportlehrer herein kam und mit Erfolg einige Schüler andonnerte, die bei einem Mannschaftsspiel nicht mitmachen wollten. Als Hausaufgabe wurde aufgegeben, dass man sich auf deutsch Gedanken machen solle, wie der Tagesablauf eines Jugendlichen aussehen könne.

11.05 Uhr gingen wir in die 3A. Besprochen wurden Berufswünsche der Schülerinnen und Schüler. Genannt wurden unter anderem Steuerberater, Polizist, Bankangestellter, Lehrerin, Offizier und Buchhalter. Themenvereinbarungen für E-Mail-Kontakte wurden abgesprochen: 
Oberthema:  Wie wir leben
- zu Haus
- in der Straße
- in der Gemeinde
- die Jugendtreffpunkte
Den Abschied trug ich wieder auf italienisch vor.

In der 1C war ab 11.55 Uhr Singen angesagt: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach. Mariano Iacovazzi hatte den Text von mir bekommen, vervielfältigt und verteilt. Das Textverständnis wurde geklärt. Ich teilte die Klasse in zwei Gruppen ein, sang jeweils zeilen- und strophenweise vor, ließ die Teilgruppen nachsingen, vereinigte dann beide Teilchöre, so dass wir bis zum Stundenende das Lied mit allen Strophen hatten singen können. Rosita Giorgio hatte bei einem unserer Treffen kongenial gesagt, warum Chorgesang in der Schule so wichtig ist: Singen ist Gemeinschaft, Stärke des Individuums in der Gruppe, die ohne die Einzelleistung nichts, Stärke der Gemeinschaft für den Einzelnen ist, deren Gesamtgesang mehr ist als der Gesang des Einzelnen. Solidarität, Einfühlungsvermögen, Harmonie, Logik vom Anfang bis zum Ende sind Leistungen des Gesamtgesangs, wobei der Weg das Ziel ist.

Die letzte Unterrichtsstunde, die ich als Austauschlehrer mitmachen konnte, war in der 2F um 12.50 Uhr. Themen waren einerseits der Tagesablauf, andererseits trennbare Präfixe.   Im Gespräch wurde geklärt, welche Bedeutung das Deutschlernen für Bewerbungsschreiben und die Entwicklung internationaler Kontakte hat. Zwischendurch wurden Probleme der HTML-Programmierung der Homepage einiger Schüler von Mariano Iacovazzi über das Comenius-Projekttreffen geklärt. 

16.30 Uhr holte mich Mariano Iacovazzi zu einer Abschlussbesprechung mit der Projektgruppe bei Daniela Cardinale ab. Dabei waren Mariano Iacovazzi, Anna Petrilli, 
Caterina Piconio, Maria Arenare  und Marcello Valeriano. Wir sprachen über die Erlebnisse unseres Besuchs in Acquaviva, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der italienischen Kollegen. Ich hob die Lernbereitschaft der Schüler hervor und das nette Schüler-Lehrer-Verhältnis. Insgesamt bewertete ich die Arbeit in der Projektgruppe als sehr positiv, sagte, dass ich bleibende Erfahrungen von der Arbeit in einer italienischen Schule gemacht hätte, die ich versuche, mit diesem Bericht weiter zu tragen. Ich fand auch bemerkenswert, wie mit vielen Gesprächen überraschende Problemlösungen gefunden werden können. Die Teilnehmer der Projektgruppe würdigten die Arbeit im Comenius-Projekt, bemängelten aber, dass ich als Austauschlehrer allein in Acquaviva war. So wäre der Eindruck zu sehr auf eine Person fokussiert, eine Arbeit als Austauschlehrer sei sinnvoller, wenn mehrere Kollegen gleichzeitig anwesend seien. Der Besuch eines Lehrers aus Deutschland habe sie aber neugierig gemacht, Schulsysteme mehr zu vergleichen. Kulturelle Unterschiede seien auch durch den Schülerbesuch in den Gastfamilien deutlich geworden. Bei den Besprechungen habe ihnen eine Tagesordnung gefehlt. Es sei besser, bestimmte Themen erst einmal arbeitsteilig oder arbeitsgleich in Gruppen vorzubereiten. 

Abends packte ich meine Sachen endgültig, verfolgte mit Entsetzen im Fernsehen, dass es 
wieder einen Anschlag in Istanbul, diesmal auf britische Einrichtungen gegeben hat.

10. Tag; Freitag, 21. November 2003

Die letzten Sachen wurden gepackt, der Müll weggebracht, Trinkgeld für die sehr sorgsame Reinigungsfrau bereit gelegt, die letzten Postkarten eingesteckt, Blumen für Daniela besorgt, 
ein Buch für Maria bereitgelegt. Mariano Iacovazzi holt mich ab und übergab mir letzte Gastgeschenke von sich und vom Schulleiter. Ein deutschsprachiges Buch über Apulien und ein Video darüber. Schnell fuhren wir noch in den Videoladen, der das verdeutschte Video von der Feier beim Bürgermeister fertig gestellt haben wollte. Leider hatte er es noch nicht geschafft. Dann die Fahrt nach Bari, die letzte Pfeife vor dem Flughafen, herzlicher Abschied von Mariano Iacovazzi, der so viel  für mich getan hatte. 

Schnell holte ich mir eine deutsche Zeitung vom Flughafenkiosk, wartete auf den Abflug, der sich von 11.45 Uhr auf 12.20 Uhr verschoben hatte. Im Flugzeug saß neben mir eine junge, deutsche Sängerin mit ihrem 9 Monate alten Kind. Gespräche über Konzerte, Lehreraustausch, Terrorismus, Kindererziehung. In Mailand ging der Flieger statt um 14.45 Uhr um 15.20 Uhr nach Düsseldorf. Mit meinem Fensterplatz genoss ich den Blick auf Wolken, Flüsse, Wiesen, Schiffe, Häuser, Wälder. In Düsseldorf erkannte ich schlussendlich die Einflugschneise, Lichter, das Flugfeld, erlebte das Rumpeln des Aufsetzens und das scharfe Bremsen. Die letzten Ansagen in der Al Italia Maschine auf italienisch, Rollen auf das hell erleuchtete Flughafengebäude zu. Mehrere Flugzeuge sind gleichzeitig im Anflug. Auf dem Flugfeld stehen Maschinen der Air France, Hapag, Deutsche BA. Aussteigen, wandern zum Gepäckband und die Gewissheit erst, wenn man sein eigenes Gepäck in der Hand hat.

Nach einem Kaffee im Stehkaffee auf dem Bahnhof einsteigen auf Bahnsteig 1. Der Zug 
IC 435 hatte 15 Minuten Verspätung. Früher hieß so ein Zug InterRegio, hielt an jeder Milchkanne. Die Fahrt ging unter anderem über Duisburg, Oberhausen (Mißfits), Gelsenkirchen (angekündigt 18.44 Uhr, real 19.00 Uhr – Bahnhofsnachtstristesse), Wanne-Eickel (der Mond), Recklinghausen (Ruhrfestspiele), Münster, Rheine, Lingen, Meppen, Papenburg ... und kommt aus Luxemburg. 

In meinem Abteil sitzen mit mir eine schmuckbehängte Dame – Pelzersatzkragen, ein jüngeres Mädchen mit Filaspullover-Perle im Ohr-rote Handtasche wie in den 50ern, ein älterer Herr mit rotem Pullover-stellt sein Handy ab- murmelt „Feierabend“ zu mir-lehnt sich zurück-schließt die Augen, ein junger Mann mit hellgrauer Hose und Tweedjacket-SMS-verliebt. Ich gebe das Gepäck in das Zugschließfach, gehe ins Bistro.

Meine Sehnsucht nach einem normalen Kaffee wird immer noch nicht erfüllt. Es gibt Schweizer Schümli-Kaffee. Das Bistro ist in gelbes Licht gehüllt. Der Ober ist freundlich, rundlich, effektiv. An einem Tisch lesen zwei Ärzte in Broschüren über Knochenbrüche und das Emirat Dubai. Am anderen Tisch lacht eine laute Männerrunde, Bier auf dem Tisch. Ein Pärchen steht am Rundtisch, meistens redet sie... über faule Sozialhilfeempfänger. An einem anderen Tisch schweigen sich zwei Leseratten ihr persönliches Kino in den Kopf, sehen ab und an weltentrückt auf. Draußen huschen die Lichter des Ruhrgebiets vorbei, Reklametafeln, Schlangen von Autos hinter herunter gelassenen Schranken, die Lichtblitze und Töne im Dunkel der Nacht. Neben mir stehen zwei Schweiger, rauchen, nippen an Cola und Weißbier.

Der Schaffner huscht von Platz zu Platz und lässt sich die Fahrkarten geben. Ein Mann hat eine falsche, kurzstreckige Karte, fragt nach Nachlösemöglichkeit. Der Schaffner ermöglicht sie ihm, ohne Aufpreis: „Ist ja Wochenende!“ Der Zug fährt in Papenburg ein, meine Frau steht am Bahnhof und wartet geduldig, bis ich mit dem schweren Gepäck angerollt komme. Es war sehr schön in Acquaviva. Vielen Dank an alle, die dort mitgewirkt haben.

Um den Freunden aus Italien wenigstens eine Teil des Textes verständlich zu machen,
habe ich eine maschinenübersetzte Version des Textes auf italienisch beigefügt:

Fehlerbehaftetet Übersetzung ins Italienische