Rede zum Abitur
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Rede zum Abitur 2000

Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten, sehr geehrte Eltern, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen.

Was macht ein Lehrer, wenn er im Jahr 2000 eine Abi-Rede halten soll? Er geht so vor wie Schüler vorgehen, wenn sie heutzutage ein Referat vorbereiten oder eine Facharbeit erstellen müssen: Er ruft eine Suchmaschine im Internet auf und gibt als Suchbegriff "Abirede" ein.

Das Ergebnis ist erstaunlich; es werden etwa 30 bis 50 "Links" zu Abireden aus den letzten Jahren angeboten. Die Reden sind auf den Homepages fortschrittlicher deutscher Gymnasien zu finden und stehen dort zum Nachlesen oder "Downloaden" zur Verfügung. Am einfachsten wäre es gewesen, wenn ich jetzt und hier eine dieser Reden vorgetragen hätte; wahrscheinlich wäre keinem der Anwesenden etwas aufgefallen und es ist zu vermuten, dass die eine oder andere dieser Reden in den letzten Wochen mehrmals an deutschen Gymnasien vorgetragen wurde. Nicht die Angst vor Entdeckung hat mich daran gehindert so vorzugehen, sondern mein Wunsch und Bedürfnis doch ein paar eigene Gedanken zum heutigen Anlass und Tag beizusteuern.

Dass Schulen eine eigene Homepage im Internet anbieten, ist in Deutschland ein immer noch eher seltenes Ereignis. Als ich 1995, also vor ca. 5 Jahren, anlässlich eines Berufsschüleraustausches die Gelegenheit hatte, den Unterricht an einem finnischen College mit dem Schwerpunkt Handel und Wirtschaft zu verfolgen, war es dort in den Klassen gang und gebe im IT-Unterricht Homepages mit der Internet-Programmiersprache HTML zu erstellen.

Hier haben deutsche Bildungsinstitutionen noch einen erheblichen Nachholbedarf. Gerade das Internet eröffnet eine neue Dimension der Wissensbeschaffung von fast jedem Platz der Welt, die von den Schulen bislang recht wenig genutzt wird. Trotzdem ist der Spruch "Bildung ist, wissen wo es steht", keine neue Definition des Begriffes Bildung.

Neben der Wissensbeschaffung gibt es auch ein großes Potenzial einer neuartigen Wissensvermittlung durch computergestützte oder internetgesteuerte Lernprogramme. Auch diese Methode wird an deutschen Schulen und Universitäten bislang kaum angewandt. In anderen Ländern und vor allem in privaten Betrieben nutzt man diese effizienten und bei entsprechender Verbreitung kostengünstigen Lehr- und Lernmethoden bereits intensiv.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass unsere Wissenschaftler ihre Fachtheorien den neuen Entwicklungen im Allgemeinen zu spät anpassen. Jahrelang werden hier in Büchern, Klassenräumen und Hörsälen Inhalte von gestern vermittelt.

So ist zum Beispiel in der volkswirtschaftlichen Produktionstheorie in den meisten Büchern und Lehrplänen immer noch die Rede von den drei Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital. Dass aber mittlerweile in der modernen Informationsgesellschaft der Produktionsfaktor Human Capital oder Brain Capital der bedeutendste Produktionsfaktor geworden ist und dass es hier eine eigenständige Faktortheorie geben müsste, steht in fast keinem Lehrbuch.

Lassen Sie mich an dieser Stelle noch einmal auf die Abiturreden aus dem Internet zurückkommen.

Für mich stellt sich, nachdem ich die Reden mit Aufmerksamkeit gelesen habe, die Frage: Mit welchen Themen und Inhalten beschäftigen sich die Redner?

Da gibt es zunächst die klassischen Reden, wohl überwiegend gehalten an humanistischen Gymnasien. Diese enthalten typischerweise eine gewisse Anzahl lateinischer oder altgriechischer Zitate, die einerseits auf den hohen Wissensstandard, die Weisheit und die außerordentliche Moral antiker Gelehrter und Machthaber verweisen und andererseits Lebens- und Verhaltensmaximen für die Abiturienten aufzeigen sollen. In diesen Reden werden vergangene Epochen im Ansatz eher verklärt und verherrlicht, man vermisst Hinweise darauf, dass es im antiken Griechenland auch Missgunst und Dekadenz gab und dass im römischen Reich Korruption und Intrigen an der Tagesordnung waren.

Die Gefahr einseitiger Darstellungen und Interpretationen lauert überall. Hört man nicht oft Pauschalaussagen wie: Die heutige Jugend ist unmotiviert, alle Ausländer sind kriminell oder alle Lehrer sind faul? Fahren nicht viele Menschen auf einseitige Sensationsaussagen ab wie: Die Globalisierung der Wirtschaft wird in einer Katastrophe enden, die Technologisierung wird zu einer gigantischen Arbeitslosigkeit führen. Wie war das noch mit den Prognosen des Club of Rome aus dem Jahr 1974, dass die meisten Rohstoffvorräte Mitte der 80er Jahre erschöpft sein würden oder mit den Vorhersagen gegen Ende des letzten Jahres über Computerabstürze, die die ganze Welt lahmlegen sollten aufgrund des Jahrtausendwechsels? Derartige Pauschal- und 100%-Aussagen sind fast alle wissenschaftlich-statistisch nicht haltbar und bei den Vorhersagen lässt sich im Nachhinein leicht feststellen, dass die prophezeiten Ereignisse i. d. R. nicht eintraten.

Zu diesem Thema passt ein persönliches Erlebnis mit Schülern dieses Abiturjahrganges von vor fast drei Jahren, ein Beispiel dafür, dass auch Lehrer von Schülern lernen können.

Als ich im September 1997 in meine damalige Klasse 11a kam, fand ich eine echte Multi-Kulti-Truppe vor. Es waren Schülerinnen und Schüler aus Bosnien, Portugal, der Türkei, der Ex-Sowjetunion und sogar einige Deutsche in einem Klassenraum versammelt. Ein negatives Vor- und Pauschalurteil über die zu erwartende Lernleistung und das Lernverhalten dieser Gruppe wäre falsch und fatal gewesen.

Sehr schnell stellte sich heraus, dass diese Klasse ein gutes Sozialverhalten hatte und dabei auch noch überdurchschnittliche Lernergebnisse erzielte. Um nicht einseitig zu werden: Auch in dieser Lerngruppe gab es von Zeit zu Zeit Ablenkungen, z. B. wenn Privatdiskussionen über das vorabendliche Fernsehprogramm oder über nächtliche Disco-Besuche aufkamen. Auch das gelegentliche Zuspätkommen einiger bzw. meist derselben Schüler wirkte manchmal störend. Allerdings hatten wir doch bald unser Motto gefunden: "Wer feiert kann auch arbeiten", bzw. "Lieber ein paar Stunden Schule als überhaupt keinen Schlaf".

Also, in dieser Klasse, später diesem Kurs gab es einen sehr lockeren bis lustigen Umgangston, sie wurde schnell zu einer meiner Lieblingsklassen. Hieraus lässt sich meines Erachtens durchaus die Erfahrungsregel ableiten, dass das Prinzip "L und L", nämlich eine Kombination aus Lust und Leistung ein ansteckendes Erfolgsrezept sein kann.

Wenn ich in der Sportpresse lese, dass die derzeit erfolgreichsten Fußballteams , man denke an die französische und holländische Nationalmannschaft oder an die besten europäischen Vereinsmannschaften, multi-kulturell zusammengesetzt sind, dann scheint das eines der Erfolgsrezepte der heutigen Zeit zu sein. Auch die Vorstandsetagen erfolgreicher Unternehmen vor allem in den USA und aus dem High-Tech-Bereich sind zunehmend multi-kulturell zusammengesetzt. Hier kann die deutsche Fußballnationalmannschaft noch viel dazulernen, und auch die deutsche Wirtschaft.

Vielleicht tun sich ältere Entscheidungsträger wie der DFB oder Aufsichtsräte aus Unternehmen der Old Economie wie auch Kultusminister und Bezirksregierungen besonders schwer, das Multi-Kulti-Konzept zu begreifen und zu installieren. Aber überall, wo Erfolg in einem Wettbewerbsumfeld mit Zensuren, Punkten, Toren, Umsätzen, Gewinnen und Marktanteilen gemessen wird, ist man über kurz oder lang gezwungen, auf neue Erfolgsrezepte zurückzugreifen.

Lassen Sie mich nochmals auf die Reden aus dem Internet zurückkommen: Neben den klassischen Reden gibt es eine ganze Reihe von gesellschafts- und sozialkritischen Reden, in welchen mit pessimistischem Unterton die soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft angeprangert und die schlechten Berufschancen und -aussichten der jungen Generation beklagt werden. In einer Rede wird abwertend von der oberflächlichen Mausklick-Informationsgesellschaft und auch über die Gefahren der Gen- und Biotechnologie gesprochen.

Ich erinnere mich noch genau daran, dass an unserer Schule Anfang der 80er Jahre nicht wenige Kollegen auf die Gefahren und die Sinnlosigkeit des Computereinsatzes hinwiesen. In puncto Gentechnologie ist eine eher skeptische und ablehnenden Einstellung noch heute sehr weit verbreitet. Dabei hat gerade Kanzler Schröder in einer Rede am 21.06.2000 auf der Expo in Hannover betont, ich zitiere: "Bei der Gen- und Biotechnologie handelt es sich unbestreitbar um Schlüsseltechnologien. Davon kann eine ähnliche Dynamik für das wirtschaftliche Wachstum ausgehen wie von den Informations- und Kommunikationstechnologien."

An diesem Zitat wird deutlich, dass nach langem, wahrscheinlich zu langem Zögern nun auch von offizieller und höchster Instanz die Bedeutung der High-Tech-Industrien für Beschäftigung, Wachstum und Einkommen erkannt worden ist. Als im 19. Jahrhundert der Webstuhl, die Dampfmaschine und der Otto-Motor erfunden wurden, gehörte Deutschland zu den ersten Nationen, die diese Innovationen schnell aufgriffen und recht bald in wirtschaftliches Wachstum ummünzten. Dadurch sicherte sich Deutschland bis zur Mitte der 80er Jahre ständig einen Platz unter den ersten 5 Nationen in der Weltwohlstandshierarchie.

In den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts gehörte Deutschland eher zu den Zögerern, Kritikern und Zauderern bei der Übernahme neuer Technologien. Jeder mag für sich selbst beantworten, ob die Tatsache, dass Deutschland mittlerweile auf Platz 15 - 20 in der Weltwohlstandsrangfolge abgesackt ist, mit diesem Zögern und Zaudern im Zusammenhang steht.

Wie schwer es sein wird, den vorhandenen Rückstand wieder aufzuholen, zeigt sich daran, dass deutsche Firmen einen eklatanten Mangel an qualifizierten IT-Arbeitskräften beklagen. Wie soll die Lücke geschlossen werden, wenn die Hochschulen und Schulen weder die sachlichen noch personellen Mittel dazu haben. Eine Hilfe von außen in Form von hochqualifizierten asiatischen und osteuropäischen IT-Fachkräften könnte hier vorübergehend Abhilfe schaffen.

Aber wir müssen unsere eigenen Anstrengungen verstärken. Wenn einige von Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten Lust und Neigung verspüren sollten, in diesen neuen Berufsfeldern tätig zu werden, winken Ihnen aufregende Berufsabenteuer und sehr gute Karriere- wie Einkommenschancen; allerdings um den Preis eines lebenslangen Lernens und Anpassens.

Zurück zu den Abi-Reden aus dem Internet. Interessant und amüsant sind solche Reden, die mit Schul- und Abitur-Anekdoten berühmter Persönlichkeiten gespickt sind. Unter anderem ist zu lesen, dass zum Beispiel Konrad Adenauer und Albert Schweitzer in ihren reiferen Jahren öffentlich deklarierten, beim Abitur gemogelt zu haben. Oder dass die Schriftsteller Alfred Döblin und Thomas Mann große Probleme im Deutschunterricht mit ihren Lehrern hatten, wobei Thomas Mann wegen unüberbrückbarer Differenzen die Schule vorzeitig vor dem Abitur verließ. Hermann Hesse, der auch seine liebe Not mit der Schule hatte, erzählt, er habe nur einige gutmütige Lehrer, dafür aber häufiger finstere, wütende und tobsüchtige Lehrer kennen gelernt.

Ich hoffe, dass Sie liebe Abiturientinnen und Abiturienten derartige Erfahrungen an unserer Schule nicht gemacht haben. Auch für Albert Einstein war die Schule ein Gräuel, er flog vom Gymnasium, machte allerdings später sein Abitur nach.

Wie wichtig ist das Abitur? In Deutschland hat das Abitur- und Hochschulzeugnis eine viel größere Bedeutung als beispielsweise in den USA: Laut einer Statistik des Manager Magazins verfügen in Deutschland fast 90 % aller leitenden Angestellten in Großunternehmen über einen Abitur- und Hochschulabschluss, in den USA liegt die entsprechende Quote nur bei ca. 65 %. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass deutsche Unternehmen deshalb kreativer, innovativer, leistungsstärker und erfolgreicher sind als amerikanische. Muss also ein Studium heutzutage sein? Neuere Statistiken aus den letzten Wochen besagen, dass immer weniger Abiturienten Lust auf ein Studium verspüren. Dies könnte auch damit zusammenhängen, dass die jungen Leute ahnen, wie wenig die angebotenen Uni-Stoffinhalte mit den Anforderungen der High-Tech-Unternehmen übereinstimmen.

Gerade im heutigen Informationszeitalter findet man in erfolgreichen Software- und Medienunternehmen der New Economy überproportional viele Studienabbrecher, Quereinsteiger und Querdenker als kreativ-geniale Software-Entwickler. Hierfür ist Bill Gates, der Vorstandsvorsitzende und Mehrheitsaktionär der erfolgreichsten Softwarefirma der Welt, ein typisches Beispiel. Er hat sein Jurastudium abgebrochen, um Software schreiben zu können.

Trotzdem möchte ich an dieser Stelle nicht missverstanden werden: Ich bin nicht der Meinung, dass man ein Abitur- und Studium-Abbrecher sein muss, um erfolgreich zu sein; dafür gibt es zu viele Beispiele von Drop Outs, die letztendlich gescheitert sind und erfolglos endeten. Aber es gibt eben auch, wenn auch eher ausnahmsweise, den erfolgreichen nicht angepassten Seiteneinsteiger.

Also liebe Abiturientinnen und Abiturienten, es ist - insbesondere in heutiger Zeit - noch längst nicht alles verloren, wenn das Studium "frusten" sollte und deshalb ohne Abschluss beendet wird.

Nach so vielen intellektuellen Ausschweifungen lassen Sie mich gegen Ende dieser Rede ein wenig emotional werden. Wenn ich mich an meine eigene Abitur-Abschlussveranstaltung erinnere, so war dies eine der wichtigsten Zäsuren in meinem Leben. Deshalb ist es verständlich, dass die Gefühle an einem Tag wie heute sowohl bei den Eltern als auch bei den jetzt reifegeprüften Kindern zwischen Stolz, Wehmut und Spannung bis Neugierde schwanken.

Stolz, weil man es erst einmal so weit geschafft und gebracht hat: Das Abitur ist trotz allem Wenn und Aber immer noch eine sehr gute Ausgangsbasis für die Zukunft.

Wehmut, weil man weiß, die Kindheit und Jugend mit der ausgeprägten Sicherheit, Geborgenheit und Wärme des Elternhauses neigt sich jetzt dem Ende zu; und sowohl Spannung als auch Neugierde, weil man sich fragt, wie es weitergeht und ob alles gut gehen wird. Das Leben steckt ja bekanntlich voller Überraschungen.

Dabei dürfte eines feststehen: Die Zukunft meistern diejenigen am besten, die eine gute Ausbildung und ein sicheres Urteilsvermögen besitzen. Der Spruch: "Wer nichts weiß, muss alles glauben", hat deshalb durchaus seine Bedeutung und Berechtigung.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten auf lange Sicht alles nur erdenklich Gute für ihren weiteren Lebensweg und auf kurze Sicht eine tolle Abiturfeier.

Friedrich Bensmann

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