Wahrnehmungsförderung

kinästhetische - taktile - visuelle - auditive - vestibuläre
zurück


Kinästhetische Wahrnehmung

Die Bedeutung der kinästhetischen Wahrnehmung

Unter kinästhetischer Wahrnehmung wird die Lage- und Bewegungsempfindung, die nicht durch das Sehen vermittelt wird, verstanden. Sie ist uns meist nicht bewußt, wir können automatisch auf sie zurückgreifen, da wir sie oft geübt haben und ein inneres Bild über den Ablauf alltäglicher Bewegungen in uns tragen. So finden wir auch mit geschlossenen Augen oder im Dunkeln den eigenen Mund, wenn wir einen Apfel essen möchten, und beim Klatschen in die Hände müssen wir nicht ständig visuell kontrollieren, daß die eine Handfläche auf die andere trifft.

,,Kinästhesie" bedeutet die Wahrnehmung der Raum-, Zeit-, Kraft- und Spannungsverhältnisse der eigenen Bewegung.

Die Rezeptoren nehmen hier keine Reize aus der Umwelt auf, sondern solche, die im eigenen Körper (z. B. durch Bewegung) entstehen. Man nennt sie deshalb Propriozeptoren" (proprius - der eigene). J. AYRES (1984) bezeichnet dieses Wahrnehmungssystem auch als propriozeptives System".

Durch die Propriozeptoren erhalten wir also Informationen aus dem Körperinneren. Aus dieser Eigenwahrnehmung baut sich das Körperschema auf: Das Kind kann die Grenzen des eigenen Körpers erfassen, es kann eine Vorstellung über seinen Körper entwickeln.

Eine andere Bezeichnung für die durch die kinästhetische Wahrnehmung vermittelten Erfahrungen ist die Tiefensensibilität. Damit wird beschrieben, daß die Sinneszellen sich im tiefer gelegenen Gewebe des Körpers befinden. Die taktilen Sinneszellen dagegen liegen in der Haut und registrieren die Oberflächensensibilität.

Durch die Tiefensensibilität erhalten wir Kenntnis über die Stellung der Glieder zueinander, sie gibt uns Rückmeldung über die Muskelkoordination, den Spannungsgrad der Muskulatur und jede Art von Bewegung. Dieses Wahrnehmungssystem ist also für die Kontrolle der Eigenbewegung wichtig. Kinästhetische Erfahrungen tragen auch zur Entwicklung von genaueren Bewegungsvorstellungen bei und unterstützen das Bewegungsgedächtnis.

Bereiche der Tiefensensibilität

Die Tiefensensibilität besitzt folgende Qualitäten:

den Stellungssinn,
den Bewegungssinn,
den Kraftsinn
den Spannungssinn.


Taktile Wahrnehmung

Bereiche der taktilen Wahrnehmung

Über den Tastsinn nehmen wir passiv mit Hilfe mechanischer Reize (Berührungen) wahr, gleichzeitig findet jedoch auch eine aktive Erkundungswahrnehmung statt. Hierbei werden die Reize nicht einfach aufgenommen, sondern quasi sich selber zugefügt.

Aktives Berühren zum Zwecke des Erkundens ermöglicht sowohl den Gewinn von Informationen über den Gegenstand als auch die Möglichkeit, mit ihm etwas zu tun: Die Oberfläche eines Stockes wird z.B. mit der Hand als rauh, rissig und feucht wahrgenommen, man kann den Stock aber auch wegschieben, festhalten, ihn aufheben oder wegwerfen. Viele Eigenschaften eines Gegenstandes können auf diese Weise auch ohne Kontrolle wahrgenommen werden. Zu den Eigenschaften, die ertastbar sind, gehören z.B.

- geometrische Formen, Maße und Proportionen,
- Oberflächenbeschaffenheit wie Rauheit und Glätte,
- Konsistenz (fest, weich, hart).

Die Farbe einer Oberfläche ist nicht ertastbar; sondern nur sichtbar, die Temperatur dagegen ist nur tastbar und nicht sichtbar.

Die Intensivierung der taktilen Wahrnehmung kann z.B. mit Hilfe plastischer Gegenstände, deren Form und Beschaffenheit von den Kindern beschrieben werden soll, oder durch Parallelserien von Fühlobjekten gefördert werden.

Berührungswahrnehmung
Erkundungswahrnehmung
Temperaturwahrnehmung
Schmerzwahrnehmung


Visuelle Wahrnehmung

Aufgaben und Leistungen des visuellen Systems

Eine Aufgabe des visuellen Systems ist das fokale Sehen, das Erkennen von Farben und Formen und die Unterscheidung von Mustern.

Die zweite Aufgabe des Sehens ist uns weniger bewußt: Die Vermittlung von Informationen über den Aufbau des Raumes um uns herum (seine Strukturierung, Untergrund, Wände, Hindernisse) und über bewegliche Objekte. Diese Informationen benötigen wir zur Orientierung im Raum, zur Kontrolle unserer Haltung sowie zur Steuerung unserer Fortbewegung und zur Lokalisation von Reizquellen. Man unterscheidet folgende Leistungen des Auges:

- Helligkeitssehen/-unterscheidung
- Dunkeladaption,
- Farbsehen,
- Muster erkennen und
- Formen erkennen.

Bereiche der visuellen Wahrnehmung

Die visuelle Wahrnehmung umfaßt aus physiologischer Sicht die Fähigkeit, optische Reize aufzunehmen, zu unterscheiden, zu verarbeiten, einzuordnen und zu interpretieren und entsprechend darauf zu reagieren (z. B. einen Gegenstand sehen, ihn aus einer Fülle anderer Gegenstände heraus unterscheiden, nach ihm greifen). Folgende Bereiche der visuellen Wahrnehmungen können unterschieden werden:

Figur-Grund-Wahrnehmung
Visumotorische Koordination Wahrnehmungskonstanz
Raumlage
Räumliche Beziehungen Formwahrnehmung
Farbwahrnehmung
Visuelles Gedächtnis


Auditive Wahrnehmung

Bereiche der auditiven Wahrnehmung

Die auditive Wahrnehmungsfähigkeit eines Kindes ist sowohl von seiner Aufmerksamkeit als auch von der Fähigkeit, Reize zu unterscheiden, zu lokalisieren und in einen Bedeutungszusammenhang (z. B. Sprachverständnis) zu bringen, abhängig. Im einzelnen können folgende Bereiche der auditiven

Wahrnehmung unterschieden werden:

Auditive Aufmerksamkeit
Auditive Figur-Grund-Wahrnehmung
Auditive Lokalisation
Auditive Diskrimination
Auditive Merkfähigkeit
Verstehen des Sinnbezuges


Vestibuläre Wahrnehmung

Die Bedeutung des Gleichgewichtssinns

Alle auf festem Boden lebenden Lebewesen müssen sich mit der Anziehungskraft der Erde und mit der Beschaffenheit des Untergrundes auseinandersetzen. Die Voraussetzungen hierfür liefert das Gleichgewichtssystem. Der Gleichgewichtssinn ist für die Aufrechterhaltung des Körpers und für die Orientierung im Raum verantwortlich. Er befähigt darüber hinaus den Organismus, Beschleunigungen und Drehbewegungen wahrzunehmen und sich darauf einzustellen.

Die Informationen, die über das Gleichgewichtssystem gewonnen werden, sind von großer Bedeutung für die Anpassung des Menschen an seine Umwelt. Ohne diesen Sinn wäre der Mensch nicht in der Lage, aufrecht zu gehen und sich in dem Raum, der ihn umgibt, zu orientieren. GIBSON (1982, 86) ordnet das Gleichgewichtssystem deswegen in das sogenannte ,,grundlegende Orientierungssystem" ein.

Das Gleichgewichtsorgan reagiert auf die Einwirkung der Schwerkraft und Lage- und Haltungsveränderungen des Körpers. Die Informationen aus diesen Wahrnehmungen meldet es ans Gehirn weiter, so daß von dort bei Bedarf entsprechende Anpassungsleistungen ausgelöst werden. Beispielsweise werden bei unsicherem Stand auf einer schmalen Unterstützungsfläche Ausgleichsbewegungen mit den Armen eingesetzt, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren und herunterzufallen.

Der Gleichgewichtssinn ist eng mit der kinästhetischen Wahrnehmung verbunden: Lage- und Bewegungssinn und Stellungs- und Spannungssinn bilden die Sensoren in dem System der Haltungs- und Bewegungsregelung des menschlichen Körpers. Sie sind unmittelbar mit der Aktivität des Körpers verknüpft.

Bereiche der vestibulären Wahrnehmung

Das Gleichgewicht umfaßt unterschiedliche Bereiche, die von der statischen Gleichgewichtserhaltung über das dynamische Gleichgewicht bis hin zum Balancieren von Objekten reichen.

Statisches Gleichgewicht
Dynamisches Gleichgewicht
Gleichgewicht auf verschiedenartigem Untergrund halten
Objektgleichgewicht